Kunstwelten: The Sky Is Not Enough

15.04.2021 Sara Hirschmüller

Autorin: Katrin Egbringhoff (Mitarbeiterin Kunstvermittlung)

Kunst außerhalb des Museums den Menschen näherzubringen, war eines der großen Anliegen des ZERO-Künstlers Otto Piene (1928–2014). Mit als Sky-Art inszenierten Kunstaktionen bespielte er z. B. den Himmel mit Licht und aufblasbaren Skulpturen. Dies geschah unter anderem zu den Olympischen Spielen im Sommer 1972. Als Symbol für Frieden und Völkerverständigung zeigte er einen beleuchteten Regenbogen am Nachthimmel über dem Olympiasee in München. Überschattet wurden die Sommerspiele von dem Attentat auf die israelische Mannschaft. Auf diese Weise wurde Pienes beleuchteter Regenbogen während der Abschlussfeier zu einem Symbol der Versöhnung und der Hoffnung. Licht spielte schon vorher im Werk Pienes eine große Rolle. Als Flakhelfer im Zweiten Weltkrieg stellte das Licht am Himmel jedoch noch eine lebensbedrohliche Gefahr dar. Nach dem Krieg vermochte der Künstler das Licht in seinem Werk in etwas Positives umzukehren. Für ihn vereinte Licht Natur und Technik, Kunst und Leben.

Wir haben es bisher dem Krieg überlassen, ein naives Lichtballett für den Nachthimmel zu ersinnen, wie wir es ihm überlassen haben, den Himmel mit farbigen Zeichen und künstlichen und provozierten Feuersbrünsten zu illuminieren
– Otto Piene, Wege zum Paradies, in: Zeitschrift ZERO, 3, o. J.

Foto: LWL/Hanna Neander

Untrennbar mit dem Namen Piene ist die von ihm mitbegründete Künstlergruppe ZERO verbunden. Diese Düsseldorfer Vereinigung existierte von 1958 bis 1966. Zusammen mit dem Gründungsmitglied Heinz Mack und später mit Günther Uecker setze er der Zeit des Zweiten Weltkrieges und den Diktaturen in Europa eine neue, reine, hoffnungsvolle und idealistische Lebensauffassung entgegen. ZERO steht hier richtungsweisend für die sprichwörtliche „Stunde Null“, also für einen radikalen Neuanfang im künstlerischen Schaffen. Die Auffassung von der Reinheit der künstlerischen Ideen setzte Piene mit den elementaren Werkstoffen Luft, Feuer, Licht und Bewegung um. In Zeiten der Corona-Pandemie sind/waren unsere Museen leider viele Wochen geschlossen. In Münster haben wir den Vorteil, dass Kunst im öffentlichen Raum eine so große Rolle spielt. Durch die Skulptur Projekte muss der Kunstgenuss nicht ausfallen, da überall in der Stadt Werke bedeutender Künstler:innen zu finden sind. Am LWL-Museum für Kunst und Kultur selbst zeigen sich wichtige Strömungen der Sammlung auch um die, in und an der Architektur. So sind in der sogenannten Spitze mittelalterliche Skulpturen der Öffentlichkeit zugänglich. Als Leihgabe steht ein Werk Henry Moores auf dem Vorplatz des Museums, aber auch die Fassade zur Pferdegasse ist mit Kunstwerken bestückt. So sehen wir dort eine Arbeit von Josef Albers und die Silberne Frequenz von Otto Piene. Beide Arbeiten waren schon am früheren Neubau angebracht. Die Silberne Frequenz entstand im Rahmen eines Künstler:innen-Wettbewerbs für die Südwestseite des Museums im Jahr 1970. Diesen Wettstreit konnte Otto Piene für sich entscheiden und am 26. Mai 1974 wurde sein umgesetzter Vorschlag feierlich der Öffentlichkeit präsentiert. Sein Konzept war es, Licht in den öffentlichen Raum zu bringen und dabei Körperlichkeit und Bewegung des Lichts hervorzuheben. Der Schritt vom Innenraum des Museums an die Fassade war für seine künstlerische Entwicklung eine Art Initialzündung, also der Startpunkt für eine Weiterentwicklung seiner künstlerischen Ideen. Aber vielleicht sollten wir uns dieses Werk erst einmal genauer ansehen. Es bestand zum damaligen Zeitpunkt aus 639 Kugeln aus galvanisiertem Aluminium. Neu war hier die indirekte Lichtführung in Pienes Werk, denn die Kugeln sind zur Wand hin offen, sodass im Inneren die Glühbirnen einen zweifachen Widerschein erzeugen: innerhalb der Kugel und an der Wand. Mit dieser Arbeit sollte die Kunst nicht nur nach außen strahlen (im wahrsten Sinne des Wortes), sondern auch die damalige Rückseite des Museum anziehender erscheinen lassen. Der Künstler wollte die Strahl- und Anziehungskraft des Museums verstärken und die Aufmerksamkeit der Vorbeigehenden auf das Museum lenken. Die Silberne Frequenz besitzt eine Tag- und eine Nachseite: tagsüber bewirkt die Sonne eine Reflexion auf den Kugeln und einen Schattenwurf auf die Wand, in der Nacht erzeugt die Beleuchtung ein künstlerisches Lichtballett mithilfe einer programmierten Elektroschaltung. Im Jahr 2006 sollte sich dann alles ändern. Der zweite Neubau des Museums machte eine Neuplanung des Werkes nötig. Nachdem drei Jahre später die Kugeln und das Gerüst abgenommen wurden, zeigten sich erhebliche Schädigungen durch Umwelteinflüsse. So entschied sich Piene für eine Neuproduktion der Kugeln, diesmal aus beständigerem Edelstahl. Außerdem wählte der Künstler eine Beleuchtung mit LED-Technik und den Umstieg auf eine computergesteuerte Abfolge des Lichtspiels. Allein die Ecksituation an der Südwestseite blieb bestehen. Man einigte sich auf eine kleinere Ausführung und die Einbeziehung des LWL-Logos. Insgesamt sind es heute noch 406 Kugeln, die am Abend ein beeindruckendes Lichtspiel zeigen.

Einen Einblick in die Planungen zur Neuauflage der Silbernen Frequenz gibt es hier:

Hier kommen verschiedene Mitwirkende zu Wort und Otto Piene berichtet über seinen Planungsprozess. Die heutige Rolle der Lichtkunst beschrieb Otto Piene 2014 in einem Beitrag von Deutschlandfunk Kultur so:

Die ist eigentlich überall. Sie hat sich ja unglaublich ausgebreitet als ein treibendes Element der Kunst, und das ist gut so. Ohne solche Werke können wir uns die gegenwärtige Kunst gar nicht mehr vorstellen.
(zitiert nach: Deutschlandfunk Kultur, 2014).

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Kategorie: Kunstwelten