Wie kann die Kunstvermittlung Menschen mit Demenz einen Raum im Museum bieten? Was ist in der Kommunikation wichtig? Wie sieht so ein Angebot im Museum aus? In einem Interview mit Britta Lauro (Wissenschaftliche Referentin für Inklusion) und Inès von Patow (Mitarbeiterin der Kunstvermittlung) gehen wir diesen Fragen nach und auch, inwieweit die digitale Vermittlung neue Herausforderungen darstellt.
All In: Schwerpunkt Demenz
Was ist das Besondere an Besucher:innen mit demenzieller Veränderung?
Britta Lauro: Ich glaube, wie bei allen Menschen, die Einschränkungen irgendeiner Art haben, gibt es eine große Bandbreite, die nicht zu vereinheitlichen ist. Wir im Museum wissen nicht, wenn diese an unseren Vermittlungsprogrammen teilnehmen, wer in welcher Form und wie stark beeinträchtigt ist. Es gibt zum Beispiel die Besucher:innen, die noch ganz im Anfangsstadium sind. Da gibt es fast keinen Unterschied zu Menschen ohne Beeinträchtigung. Die Spannbreite ist sehr breit und wir sollten einfach versuchen, möglichst viele anzusprechen und einzubeziehen.
Wie kommuniziert man mit Menschen mit Demenz im musealen Kontext?
Inès von Patow: Wir müssen offen sein für neue Ansätze und auch Wahrheiten und dürfen unsere Wahrnehmung nicht zu sehr einschränken. Wenn man mit einer Gruppe durch die Ausstellung geht, präsentieren die einem genau das. Als Vermittler:in ist man davon meistens selbst erstaunt. Ich selbst stelle mir immer wieder die Frage, was ist denn eigentlich die Wahrheit?
Britta Lauro: Den Ansatz finde ich super! Wir müssen auch offener sein für die Wahrnehmung anderer Menschen. Vielleicht sind die auf der richtigen Spur und sehen andere Variationen von Dingen, die das Leben uns zur Verfügung stellt.
Inès von Patow: Wir dürfen natürlich auch nicht vergessen, dass die Vermittlungsangebote für Menschen mit Demenz nur zwei Stunden gehen. In diesen zwei Stunden sehen wir uns nicht mit den Strukturen des Alltags konfrontiert, sondern es geht einfach darum, frei zu sein. Dabei kommt es immer wieder zu unheimlich intensiven Begegnungen. Wie Britta aber schon sagte, die Spannbreite ist enorm. Unsere Aufgabe als Vermittler:innen ist dabei einfach, die Besucher:innen aufzufangen und uns Zeit zu nehmen, um jedem einen Raum zu bieten, dass die Person teilhaben kann. Wir sollten auch versuchen, mit jedem Impuls, den wir bekommen, die Menschen abzuholen und zu bestärken.
Wie sieht im LWL-Museum für Kunst und Kultur ein Vermittlungsangebot aus?
Britta Lauro: Wir starten meist zum Warmwerden im Atelier, haben dort einen Kaffee getrunken und uns darüber unterhalten, was uns im Museum erwartet. Aber auch worauf wir uns freuen. Dass es einfach zu einem Austausch kommt und wir uns kennenlernen. Dann gehen wir in die Ausstellung, schauen uns ein bis zwei Werke an und gehen dann zurück ins Atelier, um im besten Fall eine kurze praktische Einheit zu machen. Wir wollen quasi so viele Sinne anregen, wie möglich. Das ist z. B. beim digitalen ein bisschen schwieriger. Ich persönlich finde es schön, in den Vermittlungsangeboten einfach eine große Bandbreite zu schaffen, in der jeder die Möglichkeiten hat einzusteigen, aber auch auszusteigen, wann er oder sie will. Insofern haben wir die Dreiteilung: Kennenlernen, ins Museum und ins Atelier. So können wir auch allen einen Raum bieten.
Wie kann man Menschen mit Demenz Kulturgenuss ermöglichen?
Britta Lauro: Analog sind wir schon gut aufgestellt. Wir wissen, was wir machen können. Es gibt Angebote, bei denen wir nicht nur die intellektuellen Fähigkeiten ansprechen, sondern auch die haptischen. Wir arbeiten mit Workshops, in denen es auch Material zum Anfassen und zum Mitnehmen in die Ausstellung gibt.
Inès von Patow: Die Materialien sollen einen Bezug zum Alltag herstellen und so an Erfahrungswelten anknüpfen.
Britta Lauro: Spannend ist auch der Nachklang nach solchen Workshops. Wir stehen in engen Kontakt mit den betreuenden Einrichtungen. Während die Besucher:innen hier waren, erschienen manche sehr verhalten, was natürlich normal ist, auch bei Menschen ohne demenzieller Veränderungen. Aber wir erfahren auch, dass teilweise Wochen später wieder Erinnerungen an das Museum hochkamen.
Inès von Patow: Wie wir ja in der Kunstvermittlung allgemein sagen: Es kommt nicht auf die Ergebnisse an, sondern die Prozesse.
Wie verändert die digitale Vermittlung das Angebot?
Inès von Patow: Das digitale stellt uns gerade vor die Herausforderung, dass es viel schwieriger wird, die Menschen einzuschätzen und auf sie zu reagieren.
Britta Lauro: Wenn wir sonst durch die Räume gehen, kommen wir viel leichter ins Gespräch und können eben auch diesen Raum geben, von dem Inès gerade sprach. Auch im Workshop-Raum haben wir ganz andere Möglichkeiten den Menschen wahrzunehmen. Digital wird das schwieriger. Wir beschreiten da gerade einen ganz neuen Weg.