The Public Matters: Ein Blick in die Zukunft

20.08.2020 Sara Hirschmüller

Foto: Meike Reiners

Von Sara Hirschmüller (stud. Volontärin Kunstvermittlung)

Im vergangenen Teil der Thementage Public Matters, dem Interview mit Dr. Marianne Wagner und Prof. Dr. Ursula Frohne, sprachen wir über die Ausstellung „The Public Matters“ als einem von drei Teilen des Forschungsprojektes Skulptur Projekte Archiv. Doch worum geht es darin genau? Welche Zukunftsvision stellt das Projekt 2077 dar? Im Gespräch mit Maximilian Wigger, stellvertretend für das Kollektiv Projekt 2077, suchen wir nach Antworten.

Teil des Kollektivs sind: Yedam Ann, Petra Bresser, Rabia Caliskan, Lucia Ertel, Noah Evenius, Alina Inserra, Jiyeon Kang, Steve Christian Ernst Knoll, Zauri Matikashvili, Youn Hee Park, Mira Reeh, Lioba Schmidt, Silke Schönfeld, Katharina Siemeling, Maximilian Wigger.

Wer seid ihr und wie habt ihr euch zusammengefunden?

Max: Wir haben uns als Kollektiv unter der Anleitung von Aernout Mik gefunden. Ich glaube, die Idee hinter diesem Kollektiv ist auch, dass man diesen fiktionalen Charakter mit reinbringen kann. Somit wird das Kollektiv Teil der Ausstellung. Wir sind damit nicht einfach nur Künstler:innen, die eine Ausstellung machen. Vielleicht haben wir es aber auch gemacht, um uns ein bisschen von der Institution zu lösen. Die Zughörigkeit zu einer Institution beeinflusst doch häufig die Lesart bzw. Lesbarkeit einer Arbeit und kann diese völlig verändern. Dadurch dass wir uns Projekt 2077 genannt haben, ist alles so stark verschoben, dass es in diesem abstrakten Rahmen autonomer zu lesen ist.

Worum geht es in der Ausstellung?

Max: Insgesamt geht es um Öffentlichkeit, Teilhabe und die Grundlagen der Demokratie. Inwieweit Utopie und Dystopie in einer Zukunft beieinanderliegen. Es hat auch viel mit einem Dienstleistungsaspekt zu tun. Was würde passieren, wenn der Kunstbegriff in einer Zukunft abgeschafft würde? Würde der einfach ersetzt werden? Gäbe es dann überhaupt keine Kunst und Kultur mehr, nur weil der Begriff fehlt? Vor allem geht es auch um den Nutzen. Wir haben uns überlegt, wie man die Kunst und die Öffentlichkeit in einer Zukunft, in der es keine Archive mehr gibt, interpretiert. Daraus entstand dann die Vorstellung, dass die ganzen Relikte der Skulptur Projekte, zu denen es dann keine Anleitung mehr gibt, weil das Archiv nicht mehr da ist, falsch gelesen und so zu einer Art Kultstätte werden, wo Rituale abgehalten und diese Sachen auch missinterpretiert werden. Vielleicht hält auch die Institution Museum als der Apparat, der das ganze Wissen verwaltet, die Informationen zurück und vermittelt sie nicht mehr. Um dann diese Relikte falsch auszulegen und die Leute in so eine kulturelle Abhängigkeit zu stellen. Wenn wir die Idee weiterspinnen, inwieweit die Thematik „Wissen ist Macht“ und inwieweit der Einfluss des Museums auf Meinungen in einer Zukunft aussehen kann. Es gibt kein Internet, keine Elektrizität mehr und die Leute müssen in das Museum kommen, um dort Unterschlupf und Sicherheit zu erfahren. Wenn das Museum das Einzige ist, was das bieten kann, was macht es mit den Menschen? Wie verändert sich das Museum, wenn es so viel Macht bekommt und nicht mehr demokratisch ist, sondern nur den Anschein hat? Es hat dann schon beinahe etwas Pharmazeutisches. Das Museum behauptet in Projekt 2077, es habe die einzige Heilung auf kulturelle Einsamkeit. „Ihr könnt euch glücklich schätzen, dass wir da sind. Denn wir bieten euch das Rundumpaket.“ Die Leute wissen, dadurch dass das Archiv fehlt, gar nicht, dass das nur Kunst ist.

Wie kam es zu der Aufteilung in verschiedene Videoarbeiten?

Max: Meiner Meinung nach, und ich glaube, da würden auch viele aus dem Kollektiv dahinterstehen, sollte man ein Medium zum Thema wählen, anstatt „Ich nutze immer dieses Medium und deswegen nutze ich auch nur dieses“. Natürlich hat man Neigungen, aber es ging eher darum, wie wir mit der Archivarbeit, mit diesen vielen verschiedenen individuellen Entdeckungen, umgehen. Innerhalb der Gruppe und den Gesprächen kam dann eins zum anderen. Aber es war nicht so, dass wir von vornherein gesagt haben, dass es Videoarbeiten werden.

Hattet ihr einen Arbeitsauftrag?

Max: Es war schon gegeben, dass wir uns als Rahmen mit dem Skulptur Projekte Archiv beschäftigen sollten, und es sollte im Lichthof verankert sein. Was wir machen, war dann wieder uns überlassen. Wie wir uns mit dem Archiv auseinandersetzen und mit den Archivalien arbeiten.

Wenn wir über den Titel der Ausstellung sprechen: The Public Matters. Wieso zählt die Öffentlichkeit?

Max: Die Sichtbarkeit ist die Währung, ist die Öffentlichkeit, wie es in einem der Videos thematisiert wird. Transparenz ist in jeglicher Form wichtig und dass die Leute einen Zugang zu allem haben. Ich glaube nicht, dass man alles erklären muss. Die Leute sollten ein Recht dazu haben, es selbst rauszufinden und es selbst zu interpretieren. Ich glaube, dass die Öffentlichkeit wichtig ist, damit Demokratie überhaupt existiert. Sonst bekommen wir diese Form, die in unserer Zukunftsvision dargestellt wird: dass Kunst auf einmal Heilung wird oder dass Kunst auf einmal nur noch einen Nutzen hat. Nicht mehr die Kunst um ihrer selbst willen, sondern Kunst, um zu heilen. Dann wird der Begriff der Kunst vielleicht sogar aufgelöst. Wenn man alles, also die Kunst, nicht öffentlich macht, sondern die Bevölkerung ausschließt und sich hermetisch abriegelt als Institution, dann hat man eine Macht, die die Demokratie verhindert. Deshalb ist Öffentlichkeit und Teilhabe – und die ist nur durch Öffentlichkeit möglich – so wichtig. 

Wo würdest du/würdet ihr euch als Künstler in dieser Öffentlichkeit positionieren?

Max: Ich glaube, wir machen eher ein Angebot. Wir sind ja auch nicht einhergegangen und haben das Archiv von innen nach außen gestülpt und gesagt: So, jetzt könnt ihr es alle lesen. Sondern wir haben es ja auch interpretiert und haben damit gearbeitet. Es war uns zugänglich, aber natürlich ist es auch immer ein selektiver Blick auf etwas. Es ist mein Blick, wie ich die Akten durchstöbre. Ich sehe auch nicht alles. Wenn ich mich erinnere, vergesse ich vieles und interpretiere die Vergangenheit, so wie ich sie gesehen habe, anders. Dann setzen wir, als Kollektiv, die Erinnerung um und machen eine Ausstellung über Öffentlichkeit, die nicht komplett öffentlich ist, weil sie etwas kostet. Wir haben unser Bestes gegeben, ein Angebot zu schaffen und zu thematisieren, was es heißt, sich mit Archiv, Demokratie und Öffentlichkeit zu beschäftigen und eine Zukunftsvision zu erschaffen, was passieren könnte, wenn man sich nicht darauf konzentriert, transparent zu sein, öffentlich zu sein. Selbst für mich als Teil des Kollektivs ist es schwer zu sagen, welche Rolle wir in der Öffentlichkeit einnehmen. Deswegen denke ich, dass wir als Künstler mit dem Anspruch herangehen sollten, Angebot zur Öffentlichkeit zu machen, uns damit zu beschäftigen und niemanden auszuschließen. 

Wird man auch in Zukunft von euch als Kollektiv etwas hören oder war das eine einmalige Sache?

Max: Wir arbeiten gerade an einer Website um das Projekt 2077 zu bewerben. Aber ich denke, Projekt 2077 ist entstanden, um Projekt 2077 zu machen. 

Beschreibt euer Werk in drei Worten.

Max: Uto-/Dystopie, Simulation und Archiv. ;)

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Kategorie: Thementage