Kunstwelten: Huldigung an das Sehen

25.03.2021 Sara Hirschmüller

Autor: Mario Schröer (Mitarbeiter Kunstvermittlung)

Ende der 60er Jahre des vergangenen Jahrhunderts legten Werke von Josef Albers den Grundstein für einen neuen Sammlungsschwerpunkt im damaligen Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte. Konkrete und konstruktive Kunst, die nicht mehr von der Wirklichkeit abstrahiert, sondern ihre eigene Wirklichkeit aus der Geometrie schafft, aber auch die amerikanische Nachkriegskunst lassen sich mit dem Werk von Josef Albers besser verstehen und erleben. „Zwei Supraporten: Strukturale Konstellationen“ und „Homage to the Square: Selected“ stehen beispielhaft für zwei grundlegende Bildserien, welche die Wahrnehmung der Betrachter in besonderer Weise aktivieren und das Sehen selbst zum Thema machen.

Foto: Anna Neier

Zwei Supraporten und die Zweifel am Sichtbaren

Schon vor dem Museum begegnet uns Josef Albers. An der lang gestreckten Seitenwand zur Pferdegasse sind über einem kleinen Nebeneingang in zehn Metern Höhe die beiden „Supraporten“ angebracht. Wir suchen uns einen Standort auf der gegenüberliegenden Seite vor dem Fürstenbergdenkmal auf dem Platz zwischen Fürstenberghaus und Geomuseum. Auf den ersten Blick erkennen wir ineinander geschachtelte und auf die Fläche projizierte kubische Formen. Wir nehmen die in einer Fläche liegenden matten Edelstahlbänder, aus denen die Supraporten zusammengefügt sind, als vor- und zurückspringende Umrisslinien dreidimensionaler Körper wahr.

Sehr bald aber stehen wir vor einem Dilemma, denn die Formen lassen sich nicht vollständig in dreidimensionale Körper übersetzen. Unser Sehen schaltet zwischen den unter- und obersichtigen Kästen hin und her, eine gemeinsame „Lösung“ schafft unsere Wahrnehmung nicht. Festmachen lässt sich dies links an einer zentralen Rautenfläche, die, je nachdem auf welche der Kastenformen wir sie beziehen, nach links oder nach rechts zurückspringt. In der rechten Figur ist es eine der vorderen Konturen, der die Eindeutigkeit fehlt. Diese doppelte Linie steuert nicht auf einen Halt gebenden Fluchtpunkt zu, sondern kehrt immer wieder zurück nach vorn.

Josef Albers lässt Mehrdeutigkeit zu. Mehr noch, er macht die ständig wechselnde Wahrnehmung – mithin das Zweifeln am Sichtbaren – zum Thema. Es gibt nicht diese eine Lösung! Nicht hier und bei keinem der hinter diesen Mauern verborgenen Kunstwerke. Eine Kollegin formulierte treffend: „Kunst muss ein Rätsel bleiben!“

1968 hatte das Westfälische Landesmuseum Josef Albers’ „Homages to the Square“ gezeigt. In diesem Zusammenhang kam es zu dem Auftrag, ein Werk für den geplanten Erweiterungsbau des Museums zu schaffen. So fanden die „Supraporten“ ihren Platz an der Nordfassade des Neubaus direkt über dem Haupteingang. Dieser Ort existiert nicht mehr, denn der Erweiterungsbau der 70er Jahre wurde durch den 2014 eröffneten Neubau ersetzt. Dies nimmt der Arbeit von Josef Albers ein Stück ihres Potenzials. Am alten Standort fungierte sie im Wortsinne als „Supraporten“, das heißt als über einem Portal angebrachtes Kunstwerk, das dem Gebäude seine Identität gibt.

Die Gegenüberstellung zum Bildprogramm des Doms schuf eine weitere Interpretationsebene, nämlich die Konfrontation eines offenen Kunstwerks auf der einen mit dem im Dienste der Liturgie stehenden Bildprogramm der christlichen Kunst auf der anderen Seite. Zudem hob sich der Edelstahl damals von einem dunklen Granit statt wie heute von einem gelben Sandstein ab. Die Analogie zu zeichnerischen Arbeiten heller, in schwarzes Resopal eingetiefter Linien ist heute verloren. In einer Hinsicht allerdings hat der neue Aufstellungsort sogar einen positiven Effekt. Albers hatte die lineare Struktur seiner Arbeit für eine glatte Wand konzipiert und war mit der Planänderung zu einer vertikal gestaffelten Fassade nicht wirklich glücklich. Heute schweben die Supraporten vor einer ebeneren Fläche, sind der Zeichnung wieder ein wenig näher.

Ein im Netz abrufbarer Film zeigt den Abbau der „Supraporten“ am 18.02.2009 vom alten Standort. Er gibt einen Eindruck der Situation zwischen flächiger Zeichnung und ihrer Wahrnehmung als dreidimensionaler Körper. In dem Augenblick des Abnehmens von der Wand fällt das vorgetäuschte Volumen wieder auf das flache Linienkonstrukt zurück.

Nach der genannten Ausstellung von 1968 machte Josef Albers dem Landesmuseum ein Geschenk: „Homage to the Square: Selected“ lautet der Titel des noch heute zentralen Werks der ständigen Sammlung des 20. Jahrhunderts.

Das quadratische Gemälde mit etwas über einem Meter Kantenlänge begegnet uns im Obergeschoss des Altbaus im mittleren der drei zum Domplatz weisenden Räume. In Werken von Kandinsky, Moholy-Nagy, Baumeister unter anderem ist hier abzulesen, wie sich die abstrakte Kunst in Europa über die Errungenschaften der Klassischen Moderne hinaus entwickelte. Die Arbeit von Josef Albers stellt dabei zusätzlich eine Brücke zu den im nächsten Raum anzutreffenden großformatigen Werken amerikanischer Künstler dar. Denn Josef Albers brachte gemeinsam mit seiner Frau Anni Albers die Lehre des Bauhauses nach dessen Schließung durch die Nationalsozialisten 1933 in die USA. Noch im selben Jahr wurden sie an das neu gegründete Black Mountain College in North Carolina berufen, das Josef Albers ab 1948 leitete. 1949 wechselte er an das Art Department der Yale University in New Haven, Connecticut. Eva Hesse, Robert Mangold, Robert Rauschenberg, Richard Serra, Kenneth Noland und Donald Judd waren seine Schüler und sind zum Teil prominent in Münster vertreten.

Zur längeren Betrachtung des Gemäldes von Josef Albers steht eine Bank für uns bereit. Wieder unterscheiden wir den ersten vom zweiten Blick. Zunächst begegnet uns ein wenig spektakuläres Bild, in dem zwei unterschiedlich gelbe Quadrate ein kleineres, hellgraues Quadrat umgeben. Kein Pinselstrich ist sichtbar, die Farbränder sind exakt voneinander abgegrenzt. Albers hat die Farbe direkt aus der Tube mit dem Spatel aufgetragen. Die Künstlerhand, die für die Expressionisten so wichtig war, versteckt sich!

Ein zweiter, längerer Blick weckt unser Interesse und wirft Fragen auf, die den eigentlichen Kern der Arbeit bilden. Die übereinander geschichteten Quadrate erzeugen einen Tiefenraum. Wie bei einer von oben betrachteten Pyramide erscheint uns das kleine graue Quadrat am nächsten. Oder ist es umgekehrt? Schauen wir in einen Trichter hinein, ähnlich wie bei „Square Depression“, Bruce Naumans Beitrag für die Skulptur Projekte 2007 in Münster? Unsere Wahrnehmung schafft auch hier keine „Lösung“ – ja, wir können unsere Wahrnehmung sogar nach Belieben „umschalten“!

„Homage to the Square: Selected“ mit seiner Farbstellung Ockergelb, Zitronengelb und Hellgrau ist eines von insgesamt rund 2.500 (!) Huldigungen an das Quadrat, die Albers ab 1950 bis zu seinem Lebensende 1976 schuf. Dabei beschränkte er sich auf nur vier Varianten des Bildaufbaus und nutzte fast ausschließlich ungemischte Industriefarben, deren Bezeichnung er auf den Bildrückseiten vermerkte. Wie groß bei aller Selbstbeschränkung die Wahlmöglichkeiten dennoch waren, deutete Albers selbst an: „Ich habe 80 Sorten Gelb und 40 Grautöne.“ Insgesamt neun Gemälde und zahlreiche Grafiken dieser Serie befinden sich in der Sammlung des LWL-Museums für Kunst und Kultur. Diese Huldigungen an das Quadrat sind eigentlich Huldigungen an die Farbe mit ihrem Reichtum an kaum berechenbaren Bildwirkungen.

Frage an die Besucher: „Ist unser Grau in der Mitte kalt oder warm?“ „Kalt!“ Die meisten Besucher sehen im Grau den Simultankontrast zum warmen Gelb, obwohl dieses Grau faktisch nur eine Mischung aus Schwarz und Weiß ist. „Alle Farbwahrnehmung ist Täuschung“, sagte Albers, und tatsächlich verändert sich die Wirkung nebeneinander liegender Farben ständig, weil sie aufeinander einwirken. Bei längerer Betrachtung stellen sich auch im Falle unseres Bildes weitere Effekte ein – die Farbgrenzen beginnen zu schwirren und zu verschwimmen. Bei aller Rationalität spielt das Bild geradezu mit unserer Wahrnehmung. Die Quadrate setzen sich gleichsam in Bewegung wie ein Schauspieler auf der Bühne. Schon in seiner Bauhauszeit hatte Albers formuliert: „Ein Element plus ein Element muss außer ihrer Summe mindestens eine Beziehung ergeben.“ Wie viele Beziehungen dies sein können, dies auszuloten, überlässt Albers nun uns. Die „Homages to the Square“ nehmen die Aktion des Künstlers weitestmöglich zurück, indem sie eine ergreifend schlichte Komposition wiederholen und nur wenig variieren. Dies schafft Platz für die gefeierte Seherfahrung der Betrachter.

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Kategorie: Kunstwelten