09.06.2021

Selbstgemachtes: Camera Lucida

Autorin: Stephanie Sczepanek (Mitarbeiterin Kunstvermittlung)

 

Um 1820 bzw. 1824 malte Carl Blechen (1798–1840) die Romantische Landschaft mit Ruine. Während dieser Zeit war er in Berlin als Theatermaler tätig. Die Szene zeigt Donna Anna im Kampf mit Don Giovanni vor der Kulisse seines Schlosses und stellt eine Verbildlichung eines Schlüsselmomentes in Mozarts Oper Don Giovanni dar. Die Betrachter:innen schauen von einem dunklen Raum einer Ruine ausgehend, in der sich neben den Kämpfenden eine Eule und eine Schlange befinden, auf die Silhouette eines Schlosses, das sich von einem blau-dämmrigen Abendhimmel abhebt.

Das Bild zeigt Blechens Interesse für die Darstellung des Lichtes und dessen Kontraste. Ende 1828 reiste der Maler nach Italien, wo er bis November 1829 blieb. Das südliche Licht, besonders um Neapel, sollte in den nachfolgenden Jahren zu einer seiner wichtigsten Inspirationsquellen werden. Hunderte von lavierten Bleistiftzeichnungen entstanden während der Italienreise; sie dienten ihm danach als Inspirationsquelle und Motivschatz für seine Gemälde. In seinen Skizzenbüchern, die Blechen am Golf von Neapel führte, lassen sich Hinweise finden, dass er die Camera lucida als optisches Zeichenhilfsmittel nutzte – hier sticht besonders das Amalfi-Skizzenbuch heraus.

Artist Drawing with a Camera Lucida, middle of the 19th Century Fiorentini, Erna: History of Optical Drawing Instruments. Drawing with Optical Instruments - Devices and Concepts of Visuality and Representation. Berlin 2003 - 2008.

Die mit der Camera lucida gezeichneten Abbildungen verfügen oftmals über eine rasche und entschiedene Linienführung. Die Linien sind gleichmäßig und präzise gezeichnet. Damit einhergehend kann ein Erscheinungsbild der Konturen, die als durchgezogen erscheinen und damit wie „abgepaust“ wirken, als charakteristisch bezeichnet werden. Das Gerät begegnete dem Künstler in Neapel. Während des 19. Jahrhunderts war die Camera lucida eines der populärsten Zeichenhilfsmittel. Fast jeder Hersteller optischer Instrumente in London, Paris, Rom und Neapel hatte sie vorrätig und bewarb das Gerät in seinen Broschüren. Die Camera lucida wurde neben England, wo sie patentiert wurde, vor allem in Deutschland, Frankreich und Italien verwendet.

Die 1806 patentierte Camera lucida bietet dem Zeichner im Gegensatz zu den vorher eingesetzten Instrumenten, wie der Camera obscura, einen entscheidenden Vorteil: Ihr simpler Aufbau ermöglicht es, die mit den Augen wahrgenommene Realität auf dem Papier mittels Durchpausen zu übertragen und ohne Krümmungen oder Verzeichnungen an den Außenrändern der Darstellung, wie sie beispielsweise bei der Abbildung mit einer Camera obscura entstehen, festzuhalten. Das Ganze funktioniert, indem ein Motiv durch ein Prisma auf ein Stück Papier projiziert wird. Das heißt, wenn man durch das Prisma sieht, schaut das Auge durch das Prisma auf das Blatt Papier und gleichzeitig im Vordergrund auf das Motiv. Somit wirkt es so, als ob das Motiv auf das Papier projiziert wird, wenn man durch das Prisma schaut, weshalb es leichter abgezeichnet werden kann.

Mit der Hilfe dieser Apparatur entstanden im 19. Jahrhundert – neben zahlreichen künstlerischen Werken – auch technische Zeichnungen, Kopien von gezeichneten Originalen oder gedruckten Arbeiten, die zum Beispiel in Enzyklopädien publiziert wurden.

Zwei Jahre nach seiner Reise durch das südliche Italien unterrichtete Blechen an der Berliner Akademie der Künste. Fünf Jahre später erkrankte Blechen so stark an einer Depression, dass er in eine Nervenheilanstalt eingewiesen wurde, wo er 1840 verstarb.

Auch wir können heute die Camera lucida immer noch als optisches Zeichenhilfsmittel nutzen: als Original, als App-Version oder einfach selbstgebaut.

Aber nicht alle Künstler:innen verraten immer ihre Geheimnisse:

Maler können schweigen. Besonders, wenn es um ihre Berufsgeheimnisse geht. Das ist auch heute noch so: Keiner verrät einem Kollegen irgendwelche Tricks – sei es, wenn es um Farbgebung, Komposition, den Duktus oder eben auch um technische Hilfsmittel geht.

 

David Hockney zitiert nach einem Interview, das am 27.08.2001 von Ralf Hoppe geführt wurde und unter dem Titel „Der Malerstar als Detektiv im Spiegel“ veröffentlicht wurde. 

Beispiel Vorlage

Anleitung

Materialien:

  • Vorlage
  • Acrylglas (80 mm x 40 mm)
  • Bleistift
  • Lineal
  • Schere
  • Klebestift
  • Heißklebepistole

1. Schneide die Vorlage, die du anhand des Beispiels vorbereitet hast, aus und zeichne, wie in dem unteren Bild angezeigt, die gestrichelten Linien auf die Vorlage.

2. Zeichne, wie auf dem Bild angezeigt, in der Mitte des Seitenteils ein Loch mit dem Durchmesser von 10 mm und schneide es aus.

3. Falte die Vorlage entlang der gestrichelten Linie und klebe die Seitenteile zusammen.

4. Klebe mit Hilfe einer Heißklebepistole das Stück Acrylglas in die Konstruktion, wie in der Abbildung angezeigt. Achte darauf, die Kanten mit dem heißen Kleber sauber zu verkleben, damit keine Spuren von dem Heißkleber auf dem Acrylglas verbleiben.

Zeichne mit der selbstgebauten Camera lucida Objekte:

Halte die Camera lucida vor dein Auge und lege ein Blatt Papier unter das Instrument. Zeichne mit Hilfe eines Bleistiftes die Spiegelung nach. Achtung, das Abbild ist spiegelverkehrt. Man kann die Camera lucida auch noch an einer selbstgebauten Konstruktion befestigen, dabei muss aber unbedingt darauf geachtet werden, dass das Blatt Papier immer direkt unter dem Instrument liegt.

Anregungen zur Verwendung als Zeichenhilfsmittel:

Zeichne auf einem Blatt mit Hilfe der Camera lucida eine einfache Form nach. Beachte auch die Binnenzeichnung. Kopiere dann deine Zeichnung zweimal auf ein anderes Blatt Papier.

Zeichne als nächstes in deinen Gegenstand aus der ersten Übung die Oberflächenbeschaffenheit, das heißt, hebe die hellen bzw. dunklen Stellen des Gegenstandes durch die passende Schraffur hervor. Verwende dabei verschiedene Schraffuren wie die Kreuzschraffur, Bogenlinienschraffur, Strichbündel, Punkte und Parallellinien (auch gebogen).

Koloriere mit Hilfe verschiedener Aquarellstifte deinen Gegenstand. Verwende dabei deine zweite Kopie.

Zeichne einen weiteren Gegenstand oder eine andere Person mit Hilfe der Camera lucida und koloriere direkt mit den entsprechenden Stiften deine Zeichnung.

Kategorie: Selbstgemachtes

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