Kunstwelten: Vivat Vivat, Melchoir!

04.10.2021 Sara Hirschmüller

Autorin: Patricia Zühlke (Mitarbeiterin Kunstvermittlung)

Melchior Lechter hatte am 2. Oktober Geburtstag – und wäre somit 156 Jahre alt geworden. Ganz so weit ist die Medizin zwar noch nicht, aber das bedeutet ja nicht, dass wir ihn nicht trotzdem – oder gerade deshalb – hochleben lassen können.

Als Kind unserer Stadt im Jahr 1865 geboren, startete er im Alter von 14 Jahren seine Ausbildung zum Glasmaler bei der Glasmalerei-Anstalt der Familie von der Forst in der Schillerstraße. Bereits hier kam er mit dem in Berührung, was ihn sein ganzes Leben lang prägen sollte: Die Begeisterung für mittelalterliche Kunst und Glasmalerei. Nach abgeschlossener Lehre zog es Melchior dann wie so viele nach Berlin, wo er volle zehn Jahre die Malklasse der Kunstakademie besuchte. Hier lernte er, was er zunächst für sein „Täglich Brot“ brauchte. Er schaffte Gebrauchskunst, bis Fritz Gurlitt, ein Berliner Kunsthändler, auf ihn aufmerksam wurde und ihm in seiner Galerie 1896 eine Ausstellung widmete – der Durchbruch für Melchoir!

Auch wir vom Museum können uns glücklich schätzen, denn anders als üblich haben wir etwas vom Geburtstagskind geschenkt bekommen. In unserer Sammlung sind aktuell zwei Werke von Lechter ausgestellt, die durch glückliche Umstände dorthin gelangt sind – Danke liebes Geburtstagskind!

Melchior Lechter, Zwei Fenster "Tristan und Isolde", 1896, Opalglas, Kathedralglas, Antikglas, Schwarzlot, Silbergelb, Blei

Das erste Gemälde, um das es sich hierbei handelt, ist aus dem Jahr 1896 und trägt den Titel Tristan und Isolde und ist eigentlich kein Gemälde, sondern ein vierteiliges Glasfenster – ganz in der Tradition seines Ausbildungsberufes als Glasmaler. Nach einem Opernbesuch von Richard Wagners gleichnamiger Oper in Bayreuth ist Melchior hin und weg von dieser Thematik und fertigt dieses großartige Glasfenster zunächst für sein privates Schlafzimmer in seiner Berliner Wohnung an. Grund für diesen besonderen Platz war dabei das Licht, dass dort hinein schien. So sprach Melchior oft von einem sakralen Violett, dass das ganze Zimmer durchzog und nannte sein Schlafzimmer zumeist „die Kapelle“.

Zu sehen auf den beiden Glasfenstern, die die Maße 180 x 90cm besitzen, sind sowohl ein nackter Mann als auch eine nackte Frau. Der Mann steht dabei in Dreiviertelansicht, sein Inkarnat ist grünlich-blau. Er streckt seine Arme aus, als wolle er die Trennlinie der beiden Fenster in der Mitte festhalten, oder gar von sich wegstoßen. Seine Augen sind geschlossen, wobei er seinen Kopf leicht zurück in den Nacken nimmt. Ihm gegenüber steht die nackte Frau. Auch sie steht im Dreiviertelprofil. Ihr Inkarnat ist vielmehr grünlich-gelb. Auch sie hat die Augen geschlossen und den Kopf in den Nacken gelegt. Ihre Hände drücken fest ihre Schläfen. Im Unterschied zu ihrem Gegenüber besitzt sie lange, fließende Haare, die feuerrot sind. Zu ihren beiden Füßen windet sich eine violette Schlange, die sowohl beide Glasfenster als auch die beiden Personen miteinander zu verbinden scheint. Im Hintergrund der beiden erkennen wir eine detaillierte Maßwerkarchitektur, die mit Sicherheit auch in Verbindung zu Melchiors Ausbildung verstanden werden kann. Melchior selbst beschrieb das Bild in einem Brief an seine Schwester folgendermaßen: „Das Motiv zerfällt in zwei Hälften, erste Hälfte Leidensmotiv des Tristan, zweite Hälfte Sehnsuchtsmotiv der Isolde“ (Müller 1981). Diese Aussage lässt sich in Verbindung mit der Legende setzen, bei derer sich Tristan und Isolde durch einen versehentlich getrunkenen Liebestrank unsterblich ineinander verlieben. Obwohl Isolde nicht Tristan, sondern seinem Onkel versprochen wurde, treffen sich die beiden heimlich miteinander. Nachdem der Betrug aufgedeckt und die Liebenden voneinander getrennt wurden, stirbt Tristan im Krieg. Isolde, in tiefer Trauer, stirbt ebenfalls an gebrochenem Herzen.

            Diese Sehnsucht und das Leiden wird in Melchoirs Glasfenster deutlich zum Ausdruck gebracht: Die Trennlinie der beiden Glasfenster, die Tristan mit seinen Fäusten wegzustoßen versucht, das verzweifelte an-den-Kopf-fassen von Isolde und die geschlossenen Augen beider zeigen klar deren Verzweiflung sich zwar innig zu lieben, aber sich nicht gegenseitig halten zu können. Das wird auch deutlich in der Inschrift, die sich über den Köpfen der beiden befindet: „MICH SEHEN UND STERBEN – STERBEN UND MICH SEHNEN“, ein Zitat aus der zuvor gesehenen Oper Wagners (3. Aufzug, 1. Szene).

Melchior Lechter, Orpheus, 1896, Tempera auf Leinwand

Das zweite Gemälde aus der Sammlung trägt den Titel Orpheus. Dieses wurde mit 71 anderen Exponaten während der bereits oben erwähnten Gurlitt-Ausstellung 1896 in Berlin gezeigt. Orpheus, ein Sänger und Dichter aus der griechischen Mythologie, bekam von Apollon, seinem Vater und dem Gott der Musik, eine Lyra geschenkt. Sein Gesang betörte nicht nur die Götter, sondern auch Menschen, Tiere und sogar Pflanzen. Der Sage nach weinten selbst Felsen vor Freude, trotzdem schaffte er es nicht seine Geliebte Eurydike aus dem Hades – der Unterwelt – durch seinen Gesang zurückzuholen. Er hielt sich – von Liebe übermannt – nicht an die Bedingung, sich nicht nach ihr umzudrehen, sodass sie in der Unterwelt gefangen blieb.

Anders als auf anderen Darstellungen, ist auf unserem Gemälde nicht die berühmte Szene gezeigt, in der sich Orpheus und Eurydike im Hades begegnen. Wir sehen den Sänger, wie er allein durch die schwarz-llilafarbene Finsternis wandelt, die sich als dämmernde Abend- oder Morgenstunde definierten lässt. Im Hintergrund zu sehen sind glatte, silbrige Baumstämme, die dem Bild eine starke Vertikale verleihen. Orpheus trägt ein golden gemustertes Gewand unter einem grün schimmernden Mantel. Seine große, aber ganz und gar zarte Gestalt blickt nach oben, wo er etwas gesehen zu haben scheint. In seinen Händen hält er die Lyra, ebenfalls gen Himmel gerichtet. Interessant ist, dass Orpheus, ähnlich wie wir es von Christus-Darstellungen kennen, einen Nimbus trägt, sodass er schon beinahe wie ein Heiliger wirkt. Das dieses Motiv des Sakralen auch hierbei ein weiteres Mal den Eingang in die Gemälde Melchoirs schafft – immerhin können wir in dem Gemälde von Tristan und Isolde nackt mit einer Schlange ebenso Adam und Eva im Paradies vermuten – lässt sich ein weiteres Mal durch seine Faszination für mittelalterliche Kunst und die vielen Restaurierungen von Kirchenfenstern während seiner Ausbildung begründen. Zu dieser Annahme trägt darüber hinaus auch die stets auftauchende Farbe Violett in Melchiors Werken auf, die in der christlichen Symbolik zumeist als magisch galt.

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass in beide Gemälden die Liebe und dessen damit einhergehende Sehnsucht nach dem geliebten Menschen innewohnt. Sowohl Orpheus als auch Tristan und Isolde wollen lieben, können es aber nicht, sodass sie dieser Schmerz am Ende das Leben kostet.

Und trotzdem feiern wir ja doch mit jedem Geburtstag das Leben eines Menschen, in diesem Fall das von Melchior Lechter, der uns diese beiden Gemälde geschenkt hat. Vivat Vivat Melchoir, wir lassen dich hochleben!

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Kategorie: Kunstwelten